Dass sich Fermentationsrate, Fermentierbarkeit und Wirkort von Faser derzeit nicht zuverlässig in einer Futtermatrix quantifizieren lassen, ist eine fachliche Realität. Gleichzeitig wäre es ein Trugschluss, daraus abzuleiten, dass die funktionelle Wirkung von Faser in der Praxis nicht gezielt beeinflusst werden kann.
Ein wichtiger Hebel ist die Proteinversorgung. Das Proteinniveau und die Proteinverdaulichkeit entscheiden darüber, wie viel Substrat den Dünndarm unverdaut verlässt und im Dickdarm für proteolytische Fermentation zur Verfügung steht. Faser wirkt hier nie isoliert, sondern immer im Zusammenspiel mit dem Proteinangebot und der Gesamtstruktur der gesamten Ration.
Ein zweiter zentraler Aspekt ist die Struktur der Ration. Unlösliche, strukturwirksame Faser wird selbst nur begrenzt fermentiert, beeinflusst jedoch die Passagerate, die Durchmischung des Chymus und die räumliche Verteilung von Substraten. Sie kann fermentierbare Kohlenhydrate physisch in den Dickdarm transportieren. Dieser sogenannte „Taxi-Effekt“ sorgt dafür, dass Mikroorganismen auch im distalen Dickdarm ausreichend fermentierbare Substrate zur Verfügung haben und weniger auf Protein als Energiequelle ausweichen müssen.
Dabei ist wichtig zu betonen, dass maximale Fermentation kein sinnvolles Ziel darstellt. Der energetische Nutzen der Fermentationsprodukte ist begrenzt und vor allem bei der Sau physiologisch relevant. Für viele andere Tierkategorien stellt eine hohe Fermentationsaktivität hingegen primär eine Energieumwandlung mit Verlustcharakter dar, da ein erheblicher Teil der umgesetzten Energie als Fermentationswärme frei wird. Unter Bedingungen von Hitzestress kann diese zusätzliche Wärmebelastung die Futteraufnahme und Leistung weiter beeinträchtigen.
Im Fokus steht daher nicht die Intensität, sondern der Ort und Zeitpunkt der Fermentation. Werden fermentierbare Kohlenhydrate zu früh umgesetzt, fehlen sie im distalen Dickdarm, was die proteolytische Fermentation begünstigt. Ziel ist eine zeitlich und räumlich gesteuerte Fermentation im Dickdarm, die die mikrobielle Energieversorgung unterstützt, ohne unnötige Wärme- oder N-Verluste zu erzeugen.
Schließlich bleibt die Altersklasse entscheidend. Verdauungsreife, Transitzeit und Stabilität der Mikrobiota verändern die Wirkung identischer Rationen erheblich. Was beim adulten Tier funktioniert, kann beim Jungtier dysbiotische Effekte haben.
Die praktische Konsequenz ist eindeutig: Faserfunktionalität lässt sich derzeit nicht exakt berechnen, aber sehr wohl konzeptionell gestalten – über Rationsdesign, Struktur, Protein-Faser-Balance und systemisches Denken.
Faser ist kein klassischer Nährstoff. Faser ist eine Systemeigenschaft.