Unter Hitzestress rückt der Darm beim Monogaster zwangsläufig in den Fokus. Reduzierte Futteraufnahme, veränderte Durchblutung, beschleunigte Atmung und hormonelle Anpassungen verändern nicht nur die Leistungsphysiologie, sondern auch das gastrointestinale System. Gerade in dieser Situation wird Faser häufig pauschal als Risikofaktor betrachtet – zu Unrecht.
Entscheidend ist nicht die Anwesenheit von Faser, sondern ihre Wirkung auf Passagerate, Substratverteilung und mikrobielle Prozesse im Darm.
Darmgesundheit beginnt mit Substratsteuerung
Ein stabiler Dickdarm ist auf eine ausreichende Versorgung der Mikroorganismen mit fermentierbaren Kohlenhydraten angewiesen. Fehlen diese im distalen Darmabschnitt, weichen Mikroorganismen zwangsläufig auf Protein als Energiequelle aus. Die Folge ist eine verstärkte proteolytische Fermentation mit Bildung unerwünschter Metabolite, erhöhter N-Belastung des Darmmilieus und potenziell entzündungsfördernden Effekten.
Unter Hitzestress wird dieses Risiko verschärft: verkürzte Transitzeiten, reduzierte Futteraufnahme und eine oft erhöhte Rohproteinbelastung pro aufgenommenem Kilogramm Futter verändern das Substratangebot im Darm deutlich.
Die Rolle der Passagerate
Die Passagerate ist ein zentraler, häufig unterschätzter Steuerhebel der Darmgesundheit. Eine zu schnelle Passage reduziert die Zeit für enzymatische Verdauung und verschiebt fermentierbare Substrate ungünstig. Eine zu langsame Passage begünstigt hingegen übermäßige Fermentation im proximalen Darmbereich – mit zusätzlicher Fermentationswärme und Belastung für das Tier.
Unlösliche, strukturwirksame Faser greift genau hier ein. Sie beeinflusst die physikalische Struktur des Chymus, die Durchmischung im Darm und die zeitliche Verfügbarkeit von Substraten für die Mikrobiota. Dadurch kann sie fermentierbare Kohlenhydrate gezielt in den distalen Dickdarm „mitnehmen“ und dort verfügbar machen. Dieser funktionelle „Taxi-Effekt“ ist für die Darmgesundheit hoch relevant, auch wenn er analytisch nicht quantifizierbar ist.
Fermentation: Ort und Timing sind entscheidend
Für die Darmgesundheit ist nicht die maximale Fermentation ausschlaggebend, sondern ihr Ort und ihr zeitlicher Verlauf. Eine verzögerte, distale Fermentation unterstützt die mikrobielle Energieversorgung, stabilisiert das Darmmilieu und begrenzt proteolytische Prozesse. Gleichzeitig wird vermieden, dass große Mengen fermentativer Energie früh freigesetzt werden – ein Aspekt, der unter Hitzestress besonders kritisch ist.
Denn Fermentationswärme stellt für viele monogastrische Tierkategorien keinen Nutzen dar, sondern einen physiologischen Verlust. Gerade unter thermischer Belastung kann sie die Futteraufnahme weiter reduzieren und Leistungsdepressionen verstärken.
Fazit
Unter Hitzestress ist Faser kein Widerspruch zur Darmgesundheit – sondern ein Werkzeug, wenn sie richtig eingesetzt wird. Entscheidend sind:
- die Steuerung der Passagerate,
- die gezielte Verlagerung fermentierbarer Substrate in den distalen Dickdarm,
- die Balance zwischen Kohlenhydrat- und Proteinfermentation.
Faser lässt sich derzeit nicht präzise berechnen. Ihre Wirkung auf die Darmgesundheit lässt sich jedoch sehr wohl systemisch gestalten – über Rationsstruktur, Protein-Faser-Balance und ein bewusstes Management der Passage.