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Faserfunktionalität: was wir (noch) nicht quantifizieren können

In der modernen Tierernährung wird Faser zunehmend nicht mehr nur als „Ballast“ betrachtet, sondern als funktionelles Element zur Steuerung von Darmgesundheit, Mikrobiota und N-Effizienz. Begriffe wie Fermentationsrate, Fermentierbarkeit und Wirkort haben dabei stark an Bedeutung gewonnen.
Biologisch sind diese Konzepte absolut relevant. Analytisch und formulatorisch sind sie es – bislang – nicht.

Die zentrale Herausforderung

Unsere Futtermatrizen und Fütterungssysteme beschreiben vor allem chemische Eigenschaften:

  • Rohfaser, NDF, ADF
  • lösliche vs. unlösliche NSP
  • Stärke, Protein, Energie

Was sie nicht oder nur ungenau abbilden können, sind dynamische Prozesse wie:

  • die Geschwindigkeit der mikrobiellen Fermentation
  • die zeitliche und räumliche Verfügbarkeit fermentierbarer Substrate
  • die Konkurrenz zwischen saccharolytischen und proteolytischen Mikroorganismen
  • die Interaktion zwischen Faser, Protein und Transitzeit

Damit fehlt genau das, was für die funktionelle Bewertung von Faser entscheidend wäre.

Warum Faserfunktionalität keine feste Rohstoffeigenschaft ist

Die Wirkung einer Faser entsteht nicht isoliert. Sie ist das Ergebnis eines komplexen Systems aus:

  • physikalischer Struktur und Partikelgrösse
  • Einbindung in die Gesamtration
  • Proteinniveau und Proteinverdaulichkeit
  • Passagerate
  • Alter, Verdauungsreife und Gesundheitsstatus des Tieres
  • Zusammensetzung und Aktivität der Mikrobiota

Zwei Rationen mit identischem Fasergehalt können deshalb im Tier völlig unterschiedlich wirken.

Fermentation: nicht nur ob, sondern wo

Ein zentraler, oft unterschätzter Punkt ist der Ort der Fermentation. Fermentierbare Kohlenhydrate, die zu früh umgesetzt werden (Dünndarm, proximaler Dickdarm), stehen im distalen Dickdarm nicht mehr zur Verfügung. Dort steigt dann zwangsläufig die proteolytische Fermentation – mit bekannten negativen Folgen wie:

  • Ammoniak
  • biogene Amine
  • Phenole und Indole
  • Dysbiosen und Leistungseinbußen

Hier kommt die Rolle strukturierter, unlöslicher Faser ins Spiel.

Der „Taxi-Effekt“ unlöslicher Faser

Unlösliche, strukturwirksame Faser wird selbst nur begrenzt fermentiert, beeinflusst aber:

  • die Passagegeschwindigkeit
  • die räumliche Verteilung von Substraten
  • die Verfügbarkeit fermentierbarer Kohlenhydrate im distalen Dickdarm

Man kann sie bildlich als Transportmedium verstehen: Sie „nimmt“ fermentierbare Substrate mit in Darmabschnitte, in denen sie mikrobiell sinnvoll genutzt werden können – als Energiequelle, nicht als Ausgangspunkt für Proteinabbau.

Konsequenz für die Praxis

Solange wir Fermentationsrate, Fermentierbarkeit und Wirkort nicht quantifizieren können, gilt:

Faser lässt sich nicht präzise formulieren, sie muss konzeptionell gestaltet und gemanagt werden. Erfahrungswissen, Systemverständnis und Tierbeobachtung bleiben unverzichtbar

Oder anders gesagt: Faser ist kein klassischer Nährstoff, Faser ist eine Systemeigenschaft.

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